Digital Detox (1/40)

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Heute beginnt ein ehrgeiziges Herzensprojekt: Digital Detox. Es geht darum, mein zunehmend fremdbestimmtes, atemloses Leben, das kaum noch Pausen und Freiräume mehr kennt, weil man stets online und immer erreichbar ist, wieder besser zu strukturieren. Ziel ist es, durch das bewusste Reduzieren des „digitalen Rauschens“, das mich zunehmend verrückt macht, wieder zu Kreativität, Musse und Lebenslust zurückzufinden.

Ich werde keine radikalen Schritte machen und von einem Tag auf den anderen alles kleinholzen. Aber ich werde versuchen, jede Woche kleine Etappensiege auf dem Weg zu mehr Konzentration und weniger Schnelllebigkeit zu erreichen. Jede Woche werde ich hier Bericht ablegen über die Entwicklung meines Projekts. Vielleicht inspiriert es ja andere, sich auch aus dem Würgegriff der Elektronikkonzerne und Mobilfunkanbieter zu befreien.

Die Zeitspanne für das Digital Detoxing ist klar definiert: Es sind ab heute 40 Wochen bis zu meinem 45. Geburtstag, mitten im Sommer. Bis dahin will ich mich digital unsichtbar machen, also virtuell verschwinden, dafür im realen Leben auferstehen.

Jede Woche will ich einen Meilenstein zurückgelegt haben. So will ich bald nicht mehr vier verschiedene Mail-Accounts, sondern einen einzigen. Ich will nicht mehr sechs Facebook-Seiten bewirtschaften, sondern eine. Oder vielleicht auch gar keine, weil Facebook der hinterhältigste Kreativitätskiller überhaupt ist. Was man dort an Zeit verliert, ist eine Schande. Aber wir sind alle süchtig nach diesen Fenstern in das Leben anderer Leute.

Als ersten Schritt werde ich diese Woche – wie in jeder darauf folgenden – 25 Facebook-„Freunde“ löschen, auf deren Anwesenheit ich verzichten kann. Wer rausfliegt, ist entweder langweilig, inaktiv oder nervig. Oder alles zusammen. Am Schluss werde ich nur noch die Hälfte meiner „Freunde“ im Netz haben, dafür hoffentlich zehn neue im realen Leben. Dann muss ich mein reales Adressbuch neu aufstellen, denn das habe ich zuletzt etwa 2004 nachgeführt, ich weiss kaum noch, wo die Leute leben, habe oft nicht mal mehr Telefonnummern und Adressen.

Des weiteren werde ich mein Smartphone entrümpeln, feste Zeiten für das Beantworten von Mails zu planen versuchen, die Geräte (Laptop, Tablet, Telefon) ganz bewusst zu Hause liegen lassen, oder im Zug oder Tram sitzend nicht mehr automatisch darauf herumdrücken, denn das permanente Online-Getue ist ja nun so derart Mainstream geworden, dass man sich schon schämen muss, auch dieser Sucht verfallen zu sein. Man kann sich ja nur noch differenzieren, indem man zum Fenster hinaus statt auf seinen Screen schaut! Eine. Smartwatch kommt darum schon gar nicht in Frage, ich will mich ja nicht weiter versklaven.

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Ausserdem werde ich die Vielfalt der Bühnen, auf der ich aktiv bin, radikal reduzieren. Es werden am Ende nur noch zwei Medien übrig sein, für die ich berichte – welche, das muss sich weisen. Und ich werde nicht mehr als 5000 Zeichen pro Tag schreiben. Vorläufig sind’s oft noch viel mehr. Aber die schiere Menge macht die Sätze nicht besser.

Also, los geht’s. Ich gehe jetzt „Freunde mähen“ …

2 Comments

  • Antworten September 16, 2014

    Christine Kreiselmaier

    Das finde ich eine ganz wunderbare Idee und ich werde mich von Ihnen inspirieren lassen peu a peu das gleiche zu machen – das mit dem „bewusster“ Zugefahren und aus dem Fenster schauen mache ich schon – es ist wirklich sehr traurig wenn man herumschaut und alle sind nur noch auf ihrem smartphone beschäftigt – kaum noch Blickkontakt, Tagträumer, Zeitungs- & Buchleser, nette – spontane Kontaktaufnahmen da alle in einem virtuellen Leben eine selbstkreierte Person zu leben suchen die sich mehr und mehr vom wirklichen ich und Leben entfremdet…
    Das gleiche passiert an Flughäfen, in Bars, beim weggehen – überall. Dabei sind die Menschen einsamer denn je egal wieviel zig tausend virtuelle Freunde sie haben. Auch ihr Punkt mit dem Kreativitätskiller ist so wahr – ich bin Modefotografin und kann dem nur aus vollstem Herzen zustimmen und doch ist es diese Sucht – obwohl man weiss dass es einem die letzte Kreativität raubt und einen lähmt statt inspiriert.

    Vielen Dank Herr van Rojen für eine ausnahmsweise sehr inspirierenden Fund in meinem Facebook feed. Ich freue mich auf ihr „Experiment“!

  • Antworten Januar 18, 2015

    Andreas Kuhn

    Ja, genau darüber sollte „man“ sich Gedanken machen….den ohne Zeit ist alles nichts…!

    Mudi Waters sagte:“There’s your side, my side, and the real side to each story!“

    Bei diesem Artikel/Idee handelt es sich um „the real side of the story“

    Vielen Dank Herr van Rojen

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