Gimme a cool Corona – Gedanken zur Krise

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Die Sache ist furchterregend – die Welt liegt bald in seiner Gänze in Schockstarre, die Wirtschaft fährt Vollgas gegen die Wand und es sterben viele Menschen an etwas, das nicht sein müsste und von dem man immer noch nicht so recht weiss, was es ist und von wo es kam. Corona hat uns alle im Griff. Bei uns führt der vom Bund verordnete Lockdown zu einem ökonomischen Supergau. Unser Laden, der die letzten fünf Jahre immer bessere Ergebnisse erwirtschaftete, vier Menschen Arbeit gibt und in manchen Jahren sogar ein kleines Plus abwarf, ist geschlossen. Wir verlieren jeden Monat Zehntausende Franken Umsatz, für die niemand aufkommt. Wir müssen uns bei Banken verschulden, um dies zu überstehen. Zumal wir mit dem Geschäft gerade innerhalb des Viaduktes umgezogen sind und entsprechende Kosten haben. Kurzarbeit ist beantragt, aber das zuständige Amt hat sich in den zwei Wochen seither nicht gemeldet. Man ist auf sich selbst gestellt.

Wir versuchen wie alle, die Sache zu überleben – und unsere Lehren daraus zu ziehen. Die Sache mit den Reserven wäre toll – aber daran ist die kommenden Jahre angesichts der Schulden nicht zu denken. Es gibt Schlaumeier, die sagen, dass man als Unternehmer für so etwas gerüstet sein und finanzielle Polster haben müsse – aber diese Leute haben wenig Ahnung von den Zyklen der Mode. Im Januar, Februar und März verdient kaum jemand in dieser Branche Geld – die wichtigsten Monate sind April, Mai und Juni sowie November und Dezember, da ist man liquide. Es ist also davon auszugehen, dass sich bei vielen jetzt irreparable Einbussen ergeben. So einen Schlag können wir nicht wegstecken – ebensowenig wie eine Fluggesellschaft es verkraften kann, wenn ihre Flugzeuge am Boden stehen. Das geht ganz schnell schief. 

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Es sind also Zukunftspläne gefragt. Doch die kann man nicht aus em Hut zaubern. Man ist zuerst einmal paralysiert, verwirrt, zeitweise panisch und dann wieder böse. Erst nach etlichen Tagen beginnt man, sich zu arrangieren, Fallschirme hervorzukramen und Notfallszenarien zu rechnen. Wir können etwa acht Wochen flüssig bleiben, dank Hilfe der Banken und entgegenkommen von Vermietern etc. – aber besser wäre es, wenn wir früher die Bremse wieder lösen können.

Und dann muss sich natürlich grundlegend etwas ändern in dieser Welt. Auch wir finden: Natürlich ist die Modebranche pervers und musste spätestens jetzt etwas passieren. Wir brauchen andere Produktionswege, ein menschlicheres Tempo, lokales Know-how, realistischere Saison-Zyklen und einen anderen Wettbewerb als der, der zuletzt den Ton angab: Der Billigste gewann. Dass dies in Zukunft nicht mehr geht, liegt auf der Hand. Dennoch ist absehbar: Der Rest der angefangenen Saison wird noch einmal ein böses Gemetzel am Markt, denn jeder wird mit dicken Rabatten versuchen, seine Lager abzubauen. Dann kommt der Herbst, und man wird sehen, ob sich dann schon etwas ändert.

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Für uns bei Cabinet heisst es: Wir gehen unseren eingeschlagenen Weg noch entschlossener weiter. Wir versuchen, unsere eigenen Talente und handwerklichen Fähigkeiten zu mobilisieren, um unabhängiger zu werden. Wir wollen noch unverkennbarer und einzigartiger werden, um zu bestehen. Es ist klar, dass die Umsätze nicht so bald aufs gewohnte Niveau zurück gehen. Aber das müssen sie vielleicht auch nicht, wenn wir weniger einkaufen und dafür besonnener verkaufen, ohne den wahnsinnigen Konkurrenz- und Rabattdruck dieser Branche. In der Zwischenzeit entwickeln wir unsere Kollektion weiter – sie ist unser Rückgrat und unsere Zukunft.

Wie viele kleine Geschäfte hat auch Cabinet einen Online-Store, den wir täglich neu bestücken – die neuen Kollektionen sind ja fast alle da. Wir freuen uns über jede Bestellung und fiebern dem Tag entgegen, an dem wir unsere lieb gewonnen Kunden wieder in persona im Viadukt begrüssen dürfen. In der Zwischenzeit geben uns die täglichen, jetzt etwas ausführlicheren Spaziergänge mit unserem jungen Hund Yoshi Energie und erden uns positiv. Der kleine Kerl vermisst aber auch den täglichen Kontakt mit Kunden, er reagiert schon ganz seltsam auf einzelne, zufällige Begegnungen mit Fremden. Wir müssen ihm dann eines Tages wohl neu beibringen, was Kunden sind und wie man ihnen begegnet… ein kleiner Kollateralschaden der Corona-Hysterie!

Gesundheitlich machen wir uns fast am wenigsten Sorgen: Seit uns Ende Februar eine eigenartige, aussergewöhnlich heftige Grippe heimsuchte, die uns zuerst grün anlaufen liess und dann den Geschmackssinn für einige Tage ausser Kraft setzte, bis sich im Hals eine unerfreulich zähe und langanhaltende Atemwegsinfektion festsetzte, haben wir das Gefühl, dass das Corona-Monster uns schon besucht hat. Man weiss es halt leider nur nicht so genau, denn getestet werden ja nur die schweren Fälle. Um uns herum sind aber alle gesund und unbetroffen. Hoffen wir also, dass es von hier an aufwärts geht!

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