Sind wir nicht alle am Anschlag?

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Dezember 2020 ist der Monat der pandemischen Wunschkonzerte – offenbar darf jeder öffentlich seine maximalen Forderungen vortragen und wird damit (medial) erhört: Ärzte, Intensivpfleger, Infektio- und Virologen, aber auch Ökonomen, Seelsorger, Politiker aller Couleur und sogar die religiösen Gruppen. Alle fordern lauthals irgendetwas. Meistens: mehr, mehr, mehr! Mehr Härte, mehr Restriktionen – oder auch mehr Eigenverantwortung oder mehr Augenmass. Je nachdem, zu welchem Umfeld man sich zählt (bzw. in wessen Sold man steht) schlägt man sich dieser oder jener Fraktion zu. Und immer wieder hört man: Wir sind «am Anschlag», wir können nicht mehr und brauchen eine Verschnaufpause.

Am deutlichsten gelingt es der Gesundheits-Industrie, diesen Hilferuf zu artikulieren, ich habe aber auch schon ähnliches im Radio von Lehrerverbänden und anderen Berufsgruppen gehört, die derzeit unter einer überdurchschnittlichen Belastung stehen. Wir haben für alle Verständnis und hören brav zu. Nie aber hört man so etwas vom Handel. Der duckt sich immer brav und lässt sich Prügel verpassen oder neue Fesseln anlegen. Und dies, obwohl sich nachweislich kaum je ein Mensch beim Shopping angesteckt hat.

Dennoch muss der Handel jetzt seinen Solidarbeitrag bzw. Opfer bringen. Zusammen mit der Gastronomie, wo das Infektionsrisiko sicher höher, aber eben auch überschaubar ist, wenn man bedenkt, was beide Branchen in Schutzkonzepte investiert haben. Es reicht vielen offenbar noch nicht – nach dem bewährten Motto: mehr, mehr, mehr! Alles zumachen, alle nach Hause schicken – viel kreativer scheinen viele nicht zu werden, wenn es um eine mittelfristige Strategie geht. Kaum je hört man: Risikogruppen und Alte besser schützen und die anderen mit Eigenverantwortung leben lassen. Es gilt als unsolidarisch, so etwas nur zu denken!

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Wer uns kennt, der weiss; Wir tun ALLES, um das Infektionsrisiko tief zu halten. Unser Laden (Cabinet Zürich) verfügte als einer der ersten im Viadukt über Plexiglas-Schutzwände auf dem Tresen (obwohl sauhässlich!) und Desinfektionsmittel am Eingang; wir haben seit Mai die Kapazität reduziert und weisen die Kundschaft darauf hin, kein Gedränge zu veranstalten (was auch sonst kaum je geschieht) und wir tragen seit September ständig Maske, obwohl die Wirksamkeit dieser kommunikationsfeindlichen Zusatz-Massnahme aus heutiger Sicht eher überschaubar scheint. Privat vermeiden wir nicht nur grössere Reisen, sondern auch Apéros, Feste und andere Feiern – und wir gehen bevorzugt zu Randstunden einkaufen. Mehr kann man kaum tun.

Wir sind Unternehmer und haben durch den pandemischen Wahnsinn (also nicht nur die Krankheit an sich, sondern die Schutzmassnahmen darum herum) bisher einen Umsatz-Anteil von 65’000 Franken im Frühling und und 25’000 Franken im Herbst (inkl. der gestrichenen Sonntagsverkäufe im Advent) verloren. Das ist rund 15 Prozent unseres jährlichen Umsatzvolumens. Das ersetzt uns niemand – kein Staat, keine Bank. Wir dürfen zum Puffern der Löcher zum Glück auf die Kredithilfe der Zürcher Kantonalbank zählen, doch geht es hier um Schulden, die sich summieren – nicht um irgendwelche Kompensationen, die man bekommt.

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Dürfen wir darum ganz leise auch mal sagen: Wir sind auch am Anschlag. Wir können auch bald nicht mehr. Der Beitrag, den wir hier unverschuldet zu stemmen haben, ist immens. Eine zweite Stilllegung unserer Geschäftstätigkeit würde uns den Rest geben. Von einem solchen neurlichen Eingriff könnte man sich kaum mehr erholen. Lasst uns bitte leben, auch hier geht es um Sein oder Nichtsein. Danke.

Und hier noch ein Link zu einem verwandten Artikel, den wir dieser Tage für das deutsche Fashion-Branchen-Portal PROFASHIONALS geschrieben haben und sich um die Perspektiven des Handels nach Abflachen der Covid-Pandemie dreht. Viel Spass bei der Lektüre. Und frohe Festtage. Bleibt bitte alle gesund, vermeiden Sie Risiken – und nehmen Sie Rücksicht!

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