The high and the low

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Manchmal bin ich echt froh, dass ich derzeit keine besonders aktive Rolle als Reporter und Berichterstatter habe. Denn manchmal wüsste ich echt nicht, was ich schreiben soll. Etwa, wenn ich im Zürcher Dolder Grand Hotel wäre, wo der in Paris lebende Schweizer Modeschöpfer Jean-Luc Amsler gestern Abend seine Kreationen an stehenden Puppen in der Lobby-Lounge präsentierte. Ich wüsste nicht, wie ich das, was ich dort gesehen habe, für eine Zeitung beschreiben müsste, ohne jemandem weh zu tun. Amsler kreiert seine Kleider vermutlich samt und sonders für die Familie Dracula. Es sind textile Kuriositäten, ein bisschen wie in einer Geisterbahn auf der Chilbi – man empfindet eine Mischung aus Amüsement, Abgestossensein und Furcht. Dasselbe Gefühl beschleicht einen, wenn man die Leute sieht, die in dem Hotel verkehren. Es ist eine ganz eigenartige Parallelwelt aus abgeschmacktem Glamour des letzten Jahrhunderts und aufgedonnerter Celebrity-Welt.

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Wie gesagt, man wüsste nicht, was man schreiben würde, müsste hierzu ein Bericht in einer Zeitung erscheinen. Man würde vielleicht schreiben: „Amsler verfolgt konsequent seinen eigenen Weg“, um damit anzudeuten, dass er die Orientierung wohl verloren hat. „Wer an einer Party wirklich auffallen will, ist bei Amsler gut aufgehoben“ könnte man auch schreiben, um zu sagen, dass keine seiner Kreationen irgendwie halbwegs alltagstauglich, elegant oder feinsinnig ist. Scheinbar tragen Isabelle Adjani und Jerry Hall seine Sachen. Zum Glück aber muss ich all dies jetzt nicht beschreiben. Es wäre auch schade und ein bisschen unhöflich gegenüber den netten Leuten, die dort oben am Dolder arbeiten und wirklich grosszügige Gastgeber sind. Sie können wohl auch nichts dafür, dass in der Gehaltsliga, die in dem Hotel abhängt, Eleganz und Dezenz kein Kriterium mehr ist. Vielleicht hat auch nur der Chef einen sehr schlechten Geschmack? Man weiss es nicht so genau, aber zum Glück muss man es auch nicht ausformulieren. Vielleicht muss man ja auch gar nicht mehr so hart über Stil urteilen – heute ist doch alles möglich, und alles hat irgendwo seinen Platz?

Ich fuhr also gestern Abend mit sehr gemischten Gefühlen mit meinem Velo talwärts, in sanften Schwüngen den Zürichberg runter ins Seefeld und dann rüber bis zum Hallwylplatz, erleichtert, dem Schneider des Teufels und seiner Entourage frühzeitig entkommen zu sein. Dort angekommen, am Talboden Zürichs, besuchte ich – noch vor dem offiziellen Beginn der Vernissage! – die neue „Humo“-Gallery von Florian Helmke-Becker, Inhaber der PR-Agentur The Pool. Wow! Der junge Mann hat alle Register gezogen und einen wirklich tollen, luftigen und stimmigen Ort geschaffen, um künftig kleine Editionen von befreundeten Fotokünstlern auszustellen. Im Moment zeigt er gerade Lucian Bor (*1980), der unter der Überschrift „Ephémère éternel“ eine Auswahl redaktioneller Arbeiten zeigt, fast ausschliesslich erotisch angehauchte Mode- und Körperfotografie. Helmut Newton und Herb Ritts lassen grüssen. Nicht ganz mein Fall, aber die Gallery ist auf jeden Fall toll. Und ich dachte: Manchmal doch schade, dass man gerade nicht so aktiv als Berichterstatter tätig ist. Dann könnte man das Neue beschreiben und weiterempfehlen. Doch ich hoffe: Das Gute findet sein Publikum auch ohne mein Zutun.

 

1 Comment

  • Antworten Mai 27, 2016

    Stephan Meyer

    Ist doch faszinierend, wie alles immer zusammenpasst: diese Mode an diesem Ort, besser, bzw. schimmer geht´s nicht!!!
    Für´s Dolder empfehle ich ABREISSEN!

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