Digital Detox – a manifesto

Foto: Piero Istrice / Relate

Heute Donnerstag, 29. Oktober ist im“Focus“ des „St. Galler Tagblatts“ respektive in der „Thurgauer Zeitung“ ein Artikel von Autorin Diana Bula erschienen, der das Thema „Digital Detox“ beleuchtet. Der Titel lautet „E-mails sind wie Kraken“ und bezieht sich auf folgende Stelle aus dem Interview: „E-mails sind wie eine Krake mit zwölf Köpfen. Man kann die Nachrichten nicht so schnell beantworten, wie neue reinkommen.“

So ist das doch: Derzeit habe ich in meiner täglich sorgfältig ausgemisteten Mailbox heute früh dreissig unbeantwortete Nachrichten. Im Papierkorb liegen 250 Nachrichten, die im letzten Monat ankamen (Spam und unpersönliche Newsletter nicht mitgezählt). Das ist wenig im Vergleich zu dem, was ich in meiner Rolle als Journalist oder Ressortleiter bei der „NZZ“ täglich rumliegen hatte (dort waren es 150 am Tag), aber für mich ist es immer noch zu viel. Denn eine E-mail anständig zu beantworten kostet mich fünf Minuten Zeit, das wären also 150 Minuten, die heute gefordert wären – zweieinhalb Stunden! Das würde heissen, dass ich zu einem Drittel meiner möglichen Arbeitszeit nur kommunizieren müsste – dabei hätte ich noch keine Zeile geschrieben resp. etwas produziert. Für mich ist das keine Option. Ich will nicht mehr als anderthalb Stunden am Tag e-mailen.

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Der Artikel im „Tagblatt“ verweist auf die erste Schweizer Digital-Detox-Konferenz am 19. November 2015 im Papiersaal Sihlcity Zürich, wo ich über ein Jahr des digitalen Entgiftens (oder dem Versuch dazu) berichten werde. Die Reaktionen heute morgen zeigen mir, dass es viele Menschen gibt, denen es ähnlich geht und die mir dazu gratulieren, das Online-Suchtproblem so direkt anzusprechen. Allerdings gibt es, siehe Kommentare zu diesem Beitrag, auch ablehnende Reaktionen. Es stecke viel Widerspruch in meinem Thema. Das ist sicher so. Ich habe das auch noch nicht ganz gelöst.

Hier also das ganze Interview im Wortlaut, wie es im „Tagblatt“ erschienen ist.

„E-mails sind wie Kraken“

Stil-Experte Jeroen van Rooijen hat genug von ständiger Erreichbarkeit, E-Mails und Facebook. Deshalb entgiftet er sich digital. Der Thurgauer tritt am ersten Schweizer Digital-Detox-Kongress auf – und spricht über seine Online-Sucht. 

Von Diana Bula

Herr Van Rooijen, Sie bearbeiten Ihr Mailkonto nur noch einmal täglich, zwischen 8 und 10 Uhr morgens. Was ist passiert?

Jeroen van Rooijen: Mir ist die Zeit abhanden gekommen, obwohl ich Zeit geschaffen habe, Ich habe mein Arbeitspensum als Journalist reduziert, um wieder mehr Zeit als Freiberufler zu haben, um wieder mit den Händen zu arbeiten. Und zwar richtig, nicht auf der Tastatur. Ich habe rasch gemerkt, wohin die Zeit verschwindet – in den digitalen Raum, zu Facebook und Co. Die Portale sind Zeitfresser.

Und das ärgert Sie?

Van Rooijen: Nicht nur das. Die Erwartung, dass man als Journalist einen Blog führt, auf Instagram und Facebook präsent ist, twittert, zehrt an den Nerven. Man kann sich nicht mehr auf die wichtigen Dinge im Leben konzentrieren. Man dreht durch.

Waren Sie onlinesüchtig?

Van Rooijen: Ich bin es noch immer. Anders als bei anderen Süchten empfindet man jedoch keine Lust am Tun. Das Handy ist einfach ein unverzichtbares Arbeits- und Kommunikationsmittel. Ich halte es leider nach wie vor für viel wichtiger als es ist.

Wie sah einer Ihrer Tage mit Handy und Computer vor Ihrer digitalen Entgiftung aus?

Van Rooijen: Ich habe viermal pro Stunde E-Mails und Facebook gecheckt, insgesamt über 70 Mal pro Tag. Verlorene Mühe, denn bei diesen Social-Media-Portalen geht es um nichts anders als die permanente Pflege des eigenen Images. Es ist als würde man sich den ganzen Tag vor dem Spiegel bewundern. Das tut ja auch niemand.

Sie haben mit einer zweimonatigen Pause Ihre Entwöhnung eingeläutet. Wie ist es Ihnen ergangen?

Van Rooijen: Ich habe vorab alle informiert, dass ich mich digital zurückziehen werde. Die meisten haben das verstanden. Natürlich habe ich nicht nie auf mein Handy geschaut. Seit der Pause bin ich aber wieder fähig, ohne das Gerät aus dem Haus zugehen. Ich emanzipiere mich allmählich von dem Ding.

Keine Entzugserscheinungen?

Van Rooijen: Ich schwitze nicht und habe keinen Schüttelfrost. Reaktionen haben gezeigt, dass es vielen Menschen ähnlich ergeht, sie aber nicht aus ihren Mustern ausbrechen können. Es ist wie eine milde Form von Alkoholismus. Man spielt sie herunter. Deshalb muss man sich Regeln im Umgang mit Digitalem auferlegen. Sonst frisst dieses Monster einen auf. Ich hatte für die Entwöhnung ein Jahr eingeplant, werde aber noch lange benötigen, bis ich clean bin. 

Keine Panik, etwas zu verpassen?

Van Rooijen: Ich habe befürchtet, nicht mehr mitzubekommen, was die digitalen Freunde erleben. Das war auch so, dafür verbindet man sich ohne Handy mit realen Menschen. Man baut neue wirkliche Freundschaften auf. Die sind viel befriedigender.

Sie haben einen Digital-Detox-Plan mit 40 Punkten aufgestellt. Dazu zählt etwa, sich wöchentlich von 25 Freunden auf Facebook zu trennen. Wie kommt das an?

Van Rooijen: Diese Reaktionen bekomme ich zum Glück nicht mehr mit. Nach ein paar hundert aussortierten Kontakten wird es aber auch auf Facebook schwierig, sich von Menschen zu verabschieden. Man sieht plötzlich nur noch Leute, mit denen man eine gute Zeit hatte.

Sie bloggen darüber, wie Sie sich von Handy und Co. befreien. Das ist doch widersprüchlich.

Van Rooijen: Das stimmt, weil ich damit Menschen verleite, mehr Zeit im Internet zu verbringen. Ich schreibe deshalb nicht so oft wie geplant über mein Projekt. Und ich publiziere weniger Selfies.

Welches ist die schwierigste Regel, die Sie sich gesetzt haben?

Van Rooijen: Nicht dauernd E-Mails zu beantworten. Sie sind wie eine Krake mit zwölf Köpfen. Man kann die Nachrichten nicht so schnell beantworten, wie neue reinkommen. Vor allem nicht so höflich, wie ich mir das vorstelle. 

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Sie sind Stilexperte. Was haben Stil und digitales Leben gemeinsam?

Van Rooijen: Sehr viel, auf dem Land etwa grüssen sich die Menschen noch. Schaut aber jeder nur noch auf sein Handy, geht diese Freundlichkeit bald verloren.

Die Geschäftswelt aber würde ohne Mails gar nicht mehr funktionieren. Ihre Vision, dass wir alle digital entgiftet leben, ist eine Illusion.

Van Rooijen: Es sind eben noch viele krank, nicht nur ich. Firmen, davon bin ich überzeugt, werden in Zukunft den Mailverkehr ihrer Mitarbeiter eindämmen, weil er Effizienz raubt. Ein Telefonat führt meist schneller zum Ziel als drei Mails.

Wie hat sich Ihr Digital Detox auf Ihre Karriere ausgewirkt?

Van Rooijen: Man outet sich mit einem solchen Entscheid, nicht mehr der Jüngste zu sein. Ausserdem habe ich so öffentlich meine Reaktionszeit heruntergesetzt. In äusserst dynamischen Jobs ist das nicht geduldet. Diese peile ich aber auch nicht an.

Ist es tatsächlich eine Altersfrage? Die Sängerin Ariana Grande ist 22 Jahre jung – und surft seit einem Jahr bewusst nicht mehr im Netz.

Van Rooijen: Ich beneide sie. Sie hat schon begriffen, was Luxus ist. Luxus ist, wenn man es sich leisten kann, nicht erreichbar zu sein. Oder die Assistentin Anrufe und Mails erledigt. Davon träume ich: Eines Tages werde ich einen Bestseller herausbringen und man darf mir seine Reaktion dann per Briefpost mitteilen.

Titelfoto dieses Beitrags: Piero Istrice / Relate

Und hier ist das PDF der Seite aus dem Tagblatt: Digitaldetoxkonferenz

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